Die Geschichte des Occhi

Vor 300 bis 350 Jahren, so wird vermutet, begannen die Chinesen aus den gewerblichen Knoten, d.h. dem Seemansknoten, dem Weberknoten und dem Schusterknoten eine Zierknüpftechnik zu entwickeln, die dann durch die Holländer über die Handelswege nach Europa gebracht worden sein soll.

Anderen Quellen zufolge vermutet man den Ursprung des Zierknotenknüpfens in den mathematischen Systemen des frühen Ägyptens, die durch das Kombinieren von Knoten entstanden sein sollen.

Fest steht heute lediglich, dass das Zierknotenknüpfen in aller Welt bekannt ist, z.B. als:

tatting - in England (wo es ehemals knotting genannt wurde), wie auch in Amerika, Australien und Afrika
frivolité - in Frankreich, Holland, der Schweiz, Spanien, Portugal und Südamerika
frivolitet -

in Schweden

frivolitky -

in Tschechien

sukkulapitsi - (früher karriko) in Finnland
sustikpitzikudumine - in Estland
orkis, orkide u.ä. - in Dänemark
makouk - in der Türkei
mekik - im Orient
chiacchierino - in Italien
Occhi - in Deutschland (früher auch Schiffchenarbeit oder Frivolität)

Der Name Occhi ist dem italienischen Wort occhio (Auge) entlehnt und deutet auf das klassische Grundmuster hin, nämlich den mit Ösen bestückten Ring, der wie ein strahlendes Auge aussieht.

Warum die italienische Sprache nun dieses merkwürdige Wort "chiacchierino" und die englische "tatting", was so viel heißt wie Geschnatter, Geschwätz hervorgebracht hat, lässt sich nur damit erklären, dass man sich mit dieser Handarbeit gerne auch zum Miteinanderschwatzen zusammensetzt.

Ähnlich wird vermutlich auch die englische Bezeichnung "tatting" zu deuten sein.

Frivolité, frivolitet, frivolitky und Frivolität mag aus ähnlichem Grunde entstanden sein. Hier heißt die korrekte Übersetzung: unnützes Zeug.

Früher knüpfte man unnützes Zeug wie: Häubchen, Taschentuchspitzen, Deckchen, Kragen, Manschetten u.Ä.

Der Adel schmückte sich gern mit diesen Produkten und ließ sich oft mit den Schiffchen, die damals noch sehr groß waren und aus kostbaren Materialien bestanden, portraitieren.

So gibt es in verschiedenen Museen von Paris über London bis Leipzig Gemälde von Kurfürstinnen und Gräfinnen, von Herzoginnen und Kaisertöchtern - vornehmlich aus dem 18. Jh. - mit diesem damals noch 15 - 20 cm langen und ungewöhnlichen Utensil, das manchmal auch als Pillen- oder Schnupftabakdöschen verwendet wurde.

In England, wo allem Anschein nach immer die Hochburg des Zierknotenknüpfens war, verherrlichten Dichter und Poeten schiffchenschwingende adelige Hände. So ist z.B. von der Queen Mary (1622 - 1695) immer wieder zu lesen, dass sie selbst in der Kutsche die Schiffchen nicht ruhen ließ, worauf ihr Sir Charles Sedley folgende Zeilen gewidmet haben soll:

". . . . . . . . . . telling beads,

But here's a Queen now,

thanks to God,

who, when she rides

in coach abroad

is always knotting threads."

Von Königin Elisabeth von Rumänien (1843 - 1916) liest man, dass sie einen Kirchenvorhang aus Seide und Goldfäden in Occhi fertigte und in einen Altarschleier Perlen mit einknüpfte. Ihre Nachfolgerin, Königin Maria (1875 - 1938) soll ihre Juwelen vor dem Zugriff der Mätresse ihres Mannes in die von ihr gefertigten Occhi-Spitzen der Kirche versteckt eingearbeitet haben.

Seit Anfang ds. Jh. erobert Occhi - lange Zeit allerdings unterbrochen durch die beiden Weltkriege - die Gemüter der Europäer. In England gibt es seit 15 Jahren den "Ring of Tatters" mit internationalen Kontakten bis hin nach Australien. In Dänemark und Deutschland formierten sich vor 2 bzw. 10 Jahren Occhi-Fans zu Organisationen und pflegen heute diese schöne alte Handarbeit - wie auch inzwischen das neue, Kreative Occhi - in internationalen Zusammenkünften wie Ausstellungen und Freundschaftstreffen.

Alte Schiffchen, Decken und Spitzen findet man heute oftmals auf Trödelmärkten, weil Occhi wieder in Mode gekommen ist und vergessene Schätze von manchem Dachboden wieder ans Licht geholt werden.

Occhi erlebt eine Renaissance. Immer mehr Deutschsprachige Bücher kommen auf den Markt, ebenfalls englische, holländische, schwedische, französische und italienische.

Aller Anfang ist jedoch schwer; und dem modernen Menschen fällt das Erlernen des Knüpfens nach der althergebrachten Unterrichtsmethode oft nicht leicht.

Doch die Entwicklung geht weiter. Heute gibt es eine neue, leichtere Schulungsmethode:

  1. Wird hier die Grundtechnik mit zwei Schiffchen eingeübt, und zwar mit zweierlei Farben, so dass man Fehler sofort erkennen und trotzdem weiterarbeiten kann.
  2. wird die Technik statt wie früher in einem Schritt nun in drei Schritten vermittelt: Zunächst werden die beiden Bewegungsabläufe der rechten Hand geübt und erst danach die Bewegung der linken Hand.

Außerdem gibt es seit einigen Jahren das Kreative Occhi, ein fantasievolles freies Knüpfen, das Spaß macht:

  1. entstehen bereits bei den ersten freien Übungen mühelos Naturformen wie Blüten, Blätter usw.
  2. gibt es hier keine zwingenden Arbeitsanleitungen, die die Fantasie einengen,
  3. wird durch das Arbeiten mit vielen bunten Garnen die Fantasie angeregt.

Das Kreative Occhi ist somit nicht nur eine schöne Handarbeit, sondern ein fröhliches Spiel für Jung und Alt.